Karl-Heinz Frieser: Blitzkrieg-Legende
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Rezension: Karl-Heinz Frieser, Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940, München 1995.
Mit seinem Buch analysiert Karl-Heinz Frieser den Krieg gegen Frankreich 1940 auf allen Ebenen. Es geht ihm darum, mit vielen Legenden auszuräumen, die auch heute noch durch die (vor allem populärwissenschaftliche) Literatur und die Medien geistern.
Zunächst gibt er einen Überblick über die strategischen Planungen der deutschen Führung. Dabei widerlegt er die verbreitete Ansicht, dass der Westfeldzug von Anfang an als genialer Blitzfeldzug im Rahmen eines weitgefächerten Blitzkriegskonzeptes geplant war. Frieser weist nach, dass dem nicht so war, sondern die deutsche Führung sich im Gegenteil auf einen länger andauerenden Krieg gegen Frankreich, ähnlich dem Ersten Weltkrieg, eingestellt hatte. Der eigentliche Blitzfeldzug kam hauptsächlich durch die unerwartet schnellen Erfolge und die dadurch bedingten Eigenmächtigkeiten einiger deutscher Befehlshaber, die sich nicht an ihre Haltebefehle hielten, zustande. Daraus entwickelte sich eine gewisse Eigendynamik, die erst vor Dünkirchen zum Halten kam.
Eine weitere Legende ist die der angeblichen zahlenmäßigen und technischen deutschen Überlegenheit, die zum schnellen Zusammenbruch der alliierten Front geführt haben soll. Von beiden Kriegsparteien wurde diese Ansicht gepflegt: Die alliierten Befehlshaber wollten damit ihr Versagen rechtfertigen und die deutsche Propaganda stellte natürlich gerne die angebliche deutsche Stärke heraus.
Frieser zeichnet hingegen ein weit differenzierteres Bild der beiden sich gegenüberstehenden Armeen: An Zahl der Divisionen sprach das Zahlenverhältnis für die Alliierten und auch die Zahlen der Panzer, Flugzeuge und Geschütze zeigen ein Übergewicht der Alliierten. Von einer zahlenmäßigen Überlegenheit der Wehrmacht konnte keine Rede sein, umso weniger, als dass diese für den Angreifer eigentlich für den Erfolg Vorraussetzung sein sollte.
Technisch sieht die Sache noch interessanter aus, was Frieser vor allem am Beispiel der Panzer näher darstellt: Kaum ein Drittel der sowieso schon zahlemäßig unterlegenen Panzer der Wehrmacht waren halbwegs ebenbürtige Gegner für die bei den alliierten Armeen verbreiteten Panzer. Der Großteil der Panzerdivisionen war mit den schwachen PzKw I und II ausgerüstet, die kaum einen Kampfwert gegen britische und französische Panzer besaßen.
Die Zahlen und die Technik sprachen also gegen die Wehrmacht. Warum konnte sie diesen Feldzug trotzdem innerhalb von nur sechs Wochen gewinnen (und in noch kürzerer Zeit bereits entscheiden)? Dies ist der spannendste Teil von Friesers Werk, denn hier begibt er sich auf die taktische Ebene und analysiert die Führungsverfahren auf beiden Seiten. Er zeigt anhand von Beispielen, dass das deutsche Verfahren der Auftragstaktik gegenüber der alliierten Befehlstaktik im Vorteil war. Die Auftragstaktik erlaubte und förderte eigene Entscheidungen der Befehlshaber vor Ort, so dass dieser - sei es ein Zugführer oder ein Divisionskommandeur - selbstständig im Rahmen des vorgegebenen Auftrages handeln und somit viel flexibler auf eine veränderte Lage reagieren konnte. Die starr an ihre Befehle gebundenen alliierten Befehlshaber konnten das nicht und verloren daher, noch zusätzlich behindert durch die langesamen Befehlswege, meist sehr schnell die Initiative auf dem Gefechtsfeld an ihre deutschen Gegner. So kam es regelmäßig zu der eigentlich absurden Situation, das überhastet und mit unzureichenden Kräften schlecht geplante deutsche Aktionen gegen einen vorbereiteten und überlegenen Gegner trotzdem mit einem deutschen Erfolg endeten. Hier sei z.B. der Vorstoß durch die Ardennen und der Maasübergang genannt, was Frieser sehr detailliert beschreibt. Hierbei konnte viele Male ein Zusammenbruch der deutschen Offensive nur durch Initiative der Truppenführer auf mittlerer und unterer Ebene abgewendet werden und somit die eigentlich gravierenden Fehler der höheren deutschen Führung (welche z.B. den "größten bis heute bekannten Verkehrsstau Europas" mit 250km (!) Länge auf den Vormarschstraßen in den Ardennen verursacht hatten) kompensiert werden. Die dazu vom Autor detailliert beschriebenen Ereignisse verdeutlichen dies ein ums andere Mal. Dazu kamen fast unglaubliche Fehler auf der alliierten Seite.
So stellt sich der Westfeldzug nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr als genial geplanter Blitzfeldzug, sondern mehr als ein durch eine gehörige Portion Glück, alliierte Fehler, aber eben auch durch die Initiative deutscher Truppenführer begünstigtes Hetzen von Improvisation zu Improvisation dar.
Frieser schreibt zwar nach streng wissenschaftlichen Maßstäben, schafft es aber gleichzeitig, das Buch sehr gut lesbar und oft sogar spannend und fesselnd zu halten, ohne in populärwissenschaftliche Gefilde oder gar "Landser"-Erzählstil abzudriften. Dass macht das Buch über den wissenschaftlichen Leserkreis hinaus wirklich lesenswert. Mit Wertungen über den politischen Hintergrund des Krieges hält Frieser sich zurück. Es geht ihm offensichtlich nicht um eine Beurteilung der Ereignisse und Entscheidungen, die zum Krieg geführt haben, sondern um die operative Ausführung des Krieges aus der Sicht des Militärhistorikers. Von "Kriegsverherrlichung" o.ä. kann natürlich dennoch keine Rede sein.
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