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Helmut Schnatz: Tiefflieger über Dresden

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Erhältlich bei Amazon für 17,90

Rezension: Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln 2000.

Fast jeder, der sich schonmal näher mit dem verheerenden Luftangriff auf Dresden im Februar 1945 beschäftigt hat, wird sie schon gehört oder gelesen haben: Die Geschichten von amerikanischen Jagdflugzeugen, die während oder nach den Bombardierungen Jagd auf fliehende Zivilisten gemacht haben sollen.
Neben den genauen Opferzahlen des Feuersturms ist dies die am meisten umstrittene Frage, wenn es um diesen Angriff geht: Gab es diese Tiefflieger oder nicht? Können hunderte, ja tausende Zeitzeugen irren? Jeder, der sich schonmal mit "Oral History" beschäftigt hat, weiß: Ja, Zeitzeugen können nicht nur irren, sie tun es - unbewusst - in den meisten Fällen tatsächlich.

Helmut Schnatz geht in diesem Buch hauptsächlich zwei Fragen nach: Gab es an diesem Tag Tieffliegerangriffe auf Zivilisten im Raum Dresden und wenn nein, wie konnte sich diese Legende so verbreiten?

Er stützt sich bei der ersten Frage vor allem auf offizielle deutsche Dokumente, Einsatzberichte der beteiligten Fighter Groups und die sich widersprechenden Zeitzeugenberichte. Er vergisst dabei auch die technische Seite der Operation nicht, da die US-Jäger über Dresden am Rande ihrer Reichweite operierten und dies, zusammen mit den Wetterbedingungen und den Auswirkungen des Bombardements (Rauch) an diesem Tag, Tiefangriffe im Raum Dresden schon von vornerein sehr unwahrscheinlich machte. 

Zusammen mit den anderen Quellen kommt er nach akribischer und sauberer Beweisführung, bei der er wirklich jeden Punkt auf Herz und Nieren prüft, zu dem Schluss, dass es an diesem Tag (und erst recht nicht in der Nacht, wie manche Zeitzeugen völlig realitätsfern gesehen haben wollen!) keine Tiefangriffe in Dresden gab. Weder waren diese befohlen, noch führten die Piloten diese aus eigenem Antrieb aus. Wenn man nicht vollkommen faktenresistent ist, steht dies nach diesem Buch zweifelsfrei fest. Ein Ergebnis, das vielen nicht gefallen hat, waren und sind die angeblichen Angriffe doch stets das beste Beispiel für die Unmenschlichkeit des alliierten Bombenkriegs und wurden regelmäßig von links und rechts benutzt, um diesen anzuprangern.

Die zweite Frage, der Schnatz nachgeht, ist: Wie konnten diese Legenden entstehen? Hier stellt er einen unheilvollen Mix aus brauner und roter Propaganda, Unwissenheit und vermischten Erinnerungen fest. Denn Tiefangriffe auf Zivilisten gab es an anderer Stelle. Nach Dutzenden von Jahen ist das menschliche Erinnerungsvermögen oft nicht mehr in der Lage, Ort und Zeit noch genau zuzuordnen. Beeinflusst von "Hörensagen", Büchern und Zeitungsartikeln bildet sich der Mensch irgendwann ein, dass er genau das an diesem Tag gesehen hat. Nach Schnatz waren höchstwahrscheinlich Luftkämpfe in geringer Höhe Auslöser der Legende von den Tieffangriffen. Denn Luftkämpfe zwischen deutschen und amerikanischen Jägern gab es an diesem Tag im Raum Dresden. Für den Laien, dazu unter dem Streß der verheerenden Bombenangriffe stehend und später bestätigt durch die immer zahlreicher werdenden Artikel und Bücher über das Thema (von denen viele, wie Schnatz zeigt, zumeist vollkommen aus der Luft gegriffene Horrorstories verbreiteten), enstand der Eindruck, das dort Tiefangriffe geflogen wurden.

Diese Legenden mit wissenschaftlichen Methoden hieb- und stichfest ein für allemal widerlegt zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches.

Abschließend ist zu sagen, dass dieses Buch nicht nur ein Muss für alle, die sich mit Dresden oder dem Luftkrieg beschäftigen, sondern auch ein Lehrstück für den Umgang mit "Oral History" ist. Im Zeitalter von Guido Knopp & Co. bitter nötig!

 

Siehe auch:

 http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3684

 http://www.welt.de/print-welt/article511765/Und_schossen_auf_Wehrlose.html


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