Der Krieg, der nie stattfand. Teil 2: John Hackett
Geschrieben von dochiq am 08. November 2008 um 23:30
Der Krieg, der nie stattfand. Teil 2:
General Sir John Hackett, Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland, London 1979
Im Gegensatz zu tom Clancy, dessen Vision eines Dritten Weltkrieges im ersten Teil besprochen wurde, war General Sir John Hackett ein echter Experte: Schon bei Operation "Market Garden" 1944 war er dabei und wurde später Kommandeur von NORTHAG, der Northern Army Group der NATO, die mit belgischen, niederländischen, britischen und deutschen Truppen dafür zuständig war, Norddeutschland von der Elbe bis nach Kassel zu verteidigen. Somit kann man annehmen, dass er zumindest im militärischen Bereich einigermaßen wusste, wovon er schreibt. Zudem holte er sich noch ein halbes Dutzend hochrangige Militärs und Militärhistoriker zur Unterstützung mit ins Boot. Daraus entstand ein Buch, das im Stile eines Geschichtswerkes geschrieben ist, das einige Jahre nach den beschriebenen, von Hacketts Standpunkt aus in der Zukunft liegenden Ereignissen erscheint und diese verarbeitet.
Wie auch Clancy stand Hackett vor dem Problem, eine politische Weltsituation kreieren zu müssen, die einen Krieg wahrscheinlich werden lässt. Im Gegensatz zu Clancy konstruiert Hackett eine weltweite Krisensituation, bei der man schnell den Überblick verliert und die auch etwas sehr unrealistisch erscheint. Das Problem ist auch, dass er vom Ende der 70er Jahre ins Jahr 1985 vorausgeschaut und sich somit viel "künstlerische Freiheit" gegönnt hat. Somit wird die erste Hälfte des Buches mit den Schilderungen der verschiedensten Krisenherde - von Südafrika bis Saudi-Arabien - verbracht.
Die Handlung, eine Krise, die sich schließlich zum Krieg aufschaukelt, der in Mitteleuropa zunächst konventionell ausgefochten wird, findet im August 1985 statt. Das dürfte den Grund gehabt haben, dass Hackett von seinem 77/78er Standpunkt aus gerade noch absehen konnte, welche Waffensysteme 1985 im Einsatz sein werden. Es bliebe aber auch genug Zeit, die von ihm dringend vorgeschlagenen Verbesserungen vorzunehmen. Denn das ist die Message des Buches: Wenn "jetzt" (also 1978) damit begonnen wird, die Defizite in der Nato-Verteidigung zu beheben, hat die NATO Mitte der 80er eine knappe Chance, einen Angriff zurückzuschlagen. Oder, im Sinne der damaligen Politik, eine tatsächlich glaubwürdige Abschreckung zu produzieren und damit einen Krieg zu verhindern.
Daher hat das Buch heutzutage natürlich nur noch historischen Wert - es ermöglicht aber einen Einblick in die militärische Seite der beginnenden Aufrüstungsdebatte Ende der 70er/Anfang der 80er und darüber hinaus ist es - im wahrsten Sinne des Wortes - unheimlich interessant, einen hypothetischen Dritten Weltkrieg aus der Sicht eines Fachmannes geschildert zu bekommen.
Der im Buch prognostizierte Kriegsverlauf liest sich erheblich realistischer als bei tom Clancy: Obwohl sich die Krise wie bei Clancy langsam aufschaukelt und somit kein Überraschungsangriff stattfindet, überrollen die Warschauer Pakt-Truppen schon am ersten Tag des Krieges große Teile Norddeutschlands. Obwohl, wie Hackett selbst darlegt, der Begriff der "Panzerrollbahn" für die norddeutsche Tiefebene übertrieben ist, so hätte es doch wenig natürliche Hindernisse gegeben, um eine nachhaltige Verteidigung daran anlehnen zu können. So steht die Front bzw. der VRV (NATO-Deutsch für "vorderster Rand der Verteidigung") bald im deutsch-holländischen Grenzgebiet. Auf diesen Gefechten liegt das Hauptaugenmerk, da Hackett aus britischer Perspektive schreibt und die britischen Truppen im Süden von NORTHAG, etwa im Raum südlich der Achse Hannover - Osnabrück, kämpfen sollten.
Die Kämpfe in Süddeutschland (CENTAG = Central Army Group) werden hingegen mit weniger Aufmerksamkeit bedacht. Auf den Karten, die die Entwicklung des Kriegsgeschehens illustrieren, sieht man aber, dass die NATO dort deutlisch weniger Boden verliert. Zum einen wird das durch das günstigere Gelände (z.B. die berüchtigte "Fulda-Gap" und der bayerische Wald als Sperrriegel) und zum anderen durch das Eingreifen der französischen Kräfte, die ja nicht fest in die NATO-Planungen integriert waren und somit in Hacketts Szenario als Reserven in Armeestärke fungieren konnten, begründet.
Auf dem Atlantik beginnt eine Konvoischlacht, als die Sowjets versuchen, mit U-Booten und Langstreckenbombern vom Typ "Badger" und "Backfire" den Nachschub und den Transport von Verstärkungen aus den USA nach Europa zu behindern. Hier ähneln sich die Szenarios von Clancy und Hackett, auch wenn es bei Hackett kaum über die Schilderung auf der Generalstabsebene hinausgeht. Nur einige fiktive Briefe und Zeitungsberichte über die Konvoischlachten lockern die nüchterne Aufzählung von Daten und Zahlen auf.
Nachdem die Konvois durchgekommen sind und somit frische Truppen die angeschlagenen NATO-Kräfte verstärken konnten, fällt die Entscheidung, wie es der Leser schon erwartet hat, im Norden. Der Warschauer Pakt hat die NATO dort zwar weit zurückgedrängt, für jeden Meter Boden aber einen hohen Preis zahlen müssen. Auch die fortgesetzten Angriffe der alliierten Luftwaffen auf das Verkehrsnetz im Rücken der Front haben ihren Tribut gefordert. Aber auch die NATO-Kräfte sind bis zum Zerreißen gespannt und es wird bereits über den Einsatz von nuklearen Gefechtsfeldwaffen nachgedacht. Mit den neuen Truppen aus den USA und den bereits kampferprobten, aber angeschlagenen britischen, belgischen, niederländischen und deutschen Truppen beginnt die NATO nun erstmals eine Offensive: Aus dem Frontbogen bei Bielefeld/Paderborn heraus wird in Richtung des besetzten Hamburg angegriffen, um die weit nach Westen bis in die Niederlande vorgerückten Warschauer Pakt-Truppen abzuschneiden. In dieser Situation eskaliert das Geschehen: Eine sowjetische Atomrakete vernichtet das englische Birmingham - gedacht als Warnung an die NATO, nicht weiter vorzurücken. Im Gegenzug wird Minsk von zwei SLBM ausgelöscht. Das destabilisiert das durch den Krieg bereits angeschlagene sowjetische Regime noch weiter, so dass es zu Unruhen und Aufständen kommt und der Krieg dadurch, nach insgesamt knapp dreiwöchigen Kampfhandlungen, mehr oder weniger beendet ist.
Als Fazit bleibt zu sagen, dass Hacketts Szenario des Krieges (und nur das) realistischer scheint als dies bei Clancy der Fall ist. Allerdings muss man sich bei Hackett erst einmal durch die zähe erste Hälfte des Buches mit seinen weltweiten Krisen wühlen, bevor man zum Wesentlichen kommt. Auch ist zu beachten, dass Hackett gerade die Briten vor einer Schwächung ihrer Verteidigungsbereitschaft warnen wollte und deswegen nicht nur das Hauptaugenmerk auf die britischen Truppen legt, sondern sie vielleicht auch etwas überkritisch beurteilt. Und, das muss man natürlich auch anmerken, es sind nicht nur die Krisen auf der Welt nicht so geschehen, wie Hackett es beschrieben hat, sonden auch die NATO-Aufrüstung ist anders verlaufen, als er es zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches vermutet hat. Stichwort: NATO-Doppelbeschluss. Somit wirken im Rückblick nicht nur die politische Entwicklung, sondern auch viele Details der Streitkräfte falsch, weil eben so nicht geschehen. Konnte der gute Mann aber nicht wissen, immerhin hat er ca. sieben Jahre in die Zukunft geschaut.
Anfang der 80er brachte Hackett dann noch den Ergänzungsband "Welt in Flammen" heraus, der zum einen die in den Jahren seit der Veröffentlichung des ersten Buches eingetretenen Entwicklungen verarbeitet und zum anderen das Geschehen auf eine andere Ebene verlagert: Hier wird mehrheitlich die Generalsebene verlassen und öfter der Krieg an sich aus der Sicht der beteiligten Soldaten geschildert - sogar von sowjetischer Seite aus. Darüber hinaus bleibt das Buch recht farblos, bringt aber einige im ersten Buch noch nicht berücksichtige Aspekte ins Spiel.
Interessant ist aber vor allem das Vorwort, das sich der deutsche Verlag der Übersetzung des Buches voranzustellen genötigt sah - offensichtlich im Zeichen der Nachrüstungsdebatte und der starken sog. "Friedensbewegung" in der Bundesrepublik. In diesem Vorwort betont der Verlag sinngemäß, dass man das Buch ja nur deswegen in Deutschland veröffentlicht habe, um einen Einblick in die Gedankenwelt der bösen Militärs zu geben. Im folgenden versucht ein "führender Vertreter der Friedensbewegung", Hackett als Kriegstreiber hinzustellen, was ihm zwar fachlich in keinster Weise gelingt - statt Hackett stellt er sich selbst als weitgehend ahnungslos bloß -, den friedensbewegten Laien aber in seiner oft einfach gestrickten Meinung bestätigt haben dürfte. Dass weniger Militärs wie Hackett, sondern eher die aus dem Osten gesteuerte Friedensbewegung einen Krieg wahrscheinlicher gemacht haben, konnten und wollten damals nur wenige sehen. So gibt das Buch mehr oder weniger ungewollt Einblick in die Nachrüstungsdebatte bzw. Friedensbewegung zu Beginn der 80er Jahre und ist somit selbst ein Zeugnis des damaligen Zeitgeistes.
Noch ein Wort zur schriftstellerischen Qualität der Bücher: Trotz seiner wohl unbestrittenen fachlichen Kompetenz ist Hackett nicht unbedingt ein überragender Schriftsteller. Stellenweise sind seine Werke recht schwer zu lesen. Zudem schreibt er sehr nüchtern und distanziert. Der Krieg ist - zumindest im ersten Buch - fast nur ein abstraktes Manövrieren von Truppenverbänden auf der Karte. Selbst die Beschreibung der Auswirkungen der zwei Atomschläge gegen dichtbevölkerte Großstädte bleiben emotionslos. Es bleibt dem Leser überlassen, ob er diese Herangehensweise positiv oder negativ bewertet.
Wer also etwas spannendes und leicht zu lesendes sucht, sollte bei Clancy bleiben. Fachlich fundierter scheint mir hingegen Hackett zu sein.
Datum: 08. November 2008 23:30 Uhr























