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Der Krieg, der nie stattfand. Teil 1: Tom Clancy

Geschrieben von dochiq am 10. Juli 2008 um 11:29

 

Red Storm RisingDer Krieg, der nie stattfand. Teil 1:
tom Clancy, Red Storm Rising, New York 1986.

Neben dem Zweiten Weltkrieg richtete sich mein Interesse in den letzten Jahren vor allem auf den Kalten Krieg. Gerade die militärische Seite dieses Langzeitkonfliktes lädt dabei natürlich zu zahlreichen "Was-wäre-wenn"-Gedankenspielen ein, denn glücklicherweise ist aus dem kalten nie ein heißer Krieg geworden. Heutzutage natürlich nur noch von geschichtlichem Interesse, haben sich hauptsächlich zu Hochzeiten der Blockkonfrontation einige Leute, der eine mehr, der andere weniger kompetent, darüber Gedanken gemacht, wie denn ein Krieg zwischen Warschauer Pakt und NATO hätte aussehen können, wenn es nicht sofort zum gegenseitigen Austausch von nuklearen Grußbotschaften gekommen wäre. Das wahrscheinlichste Szenario eines konventionellen Krieges war natürlich ein massiver mechanisierter Angriff des Warschauer Paktes in Mitteleuropa (sprich: Deutschland) mit diversen Aktionen an der Peripherie (Skandinavien, Mittelmeer).

Beginnen wir die Betrachtung mit dem populärsten Beispiel der "what if"-Literatur: tom Clancys "Red Storm Rising" (in Deutschland als "Im Sturm" erschienen):
Der Plot ist recht simpel, dient er ja schließlich nur dafür, einen Vorwand für den Ausbruch der Kampfhandlungen zu finden: Irgendwann Mitte der 80er Jahre (dem Entstehungszeitraum des Buches) hat die UdSSR gravierende Probleme mit der Ölversorgung. Um dem abzuhelfen, plant die sowjetische Führung einen Angriff auf den ölreichen persischen Golf. Um dies erreichen zu können, muss aber vorher die NATO ausgeschaltet werden - mittels eines massiven Angriffs auf die Bundesrepublik Deutschland...

Es macht nicht viel Sinn, sich über Realismus oder Unrealismus dieses Szenarios auszulassen. Irgendeinen Aufhänger musste Clancy nunmal finden, um den Warschauer Pakt angreifen zu lassen, schließlich geht es um die Darstellung der Kampfhandlungen und nicht um eine politikwissenschaftliche Arbeit. Wie dem auch sei, aus diesem Aufhänger heraus entwickelt sich eine internationale Spannungssituation, in der die UdSSR eine Krise mit der Bundesrepublik provoziert und dadurch versucht, sie aus der NATO herauszudrängen, um das westliche Verteidigungsbündnis damit zu sprengen. Die gelingt - natürlich - nicht, denn - natürlich! - durchschauen die meisten westlichen Geheimdienste und Politiker das Manöver und gemeinsam bereitet die NATO sich auf die immer wahrscheinlicher werdende Konfrontation vor. In dieser Phase werden auch die meisten der Charaktere eingeführt, die der Leser später auf ihrem Weg durch das Chaos des Krieges begleiten wird. Beide Seiten mobilisieren, REFORGER startet und schließlich starten die Kampfhandlungen an der innerdeutschen Grenze. Ab jetzt beginnt im Buch im wahrsten Sinne des Wortes die Action. Man kann viel über tom Clancy meckern, aber eines kann er fast perfekt: Trotz einer gewissen Technikverliebtheit moderne Kriegsführung packend darstellen. Hier ein Beispiel aus der ersten Nacht des Krieges, den Teil eines großangelegten NATO-Luftangriffs auf die Verkehrsverbindungen in der DDR beschreibend:

Fifteen seconds later the first Aardvark [F-111] screamed south a bare thirty feet over the water, popped up, and loosed a single GBU-15 Paveway laser-guided bomb before it turned hard to the east over Hohenwarthe. An optical-computer system in the bombs nose noted the reflected infrared beam, centered it, and adjusted the fins accordingly.
South of the bridge, the SAM battery commander was trying to decide what the noise was. His search radar did not show the Frisbee*. He had been told not to expect the presence of "friendly" aircraft - the safe travel line was fifteen miles to the north, over the Frontal Aviation base at Mahlwinkel.
Maybe thats where the noise was coming from, he thought. No special alarm has been sent out--
The northern horizon went bright yellow. Though he did not know it, four Luftwaffe Tornados had just made a single pass over Mahlwinkel, leaving hundreds of explosive cluster munitions in their wake. A half-dozen Soviet Sukhoi attack fighters went up in flames, sending a fireball of jet fuel that rose up into the rain-filled sky.
The battery commander hesitated not at all - he shouted an order for his men to switch their fire-control radars from stand-by to active, and trace them around "their" bridges. A moment later, one detected an F-111 coming upriver.
"Oh, shit!" The Aardvarks system operator instantly loosed a shrike antiradar missile at the SAM battery, another for good measure at the search radar, a second Paveway at the bridge, then the F-111 turned violently left.
A missile-launch officer blanched a he realized what just appeared from nowhere onto his scopes, and salvoed his three missiles in return. The incoming aircraft had to be hostile, and had just separated three smaller objects...
His first SAM struck and exploded on the high-tension power lines that spanned the river just south of the bridges. The entire valley was strobelighted as the power lines fell sparking into the river. The other two SAMs raced past the surreal explosion and locked onto the second F-111.
The first Paveway impacted precisely in the center of the northern span. It was a delayed-action bomb, and penetrated into the thick concrete before exploding a few yards from a battalion commanders tank. The north span was strong - it had been in use for over fifty years - but the 945 pounds of high explosives ripped it apart. In an instant the graceful concrete arch was cut in two, a ragged twenty-foot gap appearing between the two unsecured flying buttresses. They were not designed to stand alone, particularly with armored vehicles rumbling over them. The bomb released by the second Aardvark struck closer to shore, and the eastern side of the span failed entirely, taking eight tanks into the Elbe with it.
The second F-111 did not live to see this, however. One of the racing SA-6 missiles struck it broadside and blew it to pieces three seconds after the aircraft-launched Shrikes obliterated the pair of Soviet radar vehicles. Neither side had time for grief. Another F-111 screamed upriver as the surviving SAM crews frantically searched for targets.

(Tom Clancy, Red Storm Rising, New York 1986, S. 178/179)

 

Clancys Schwerpunkt liegt während des ganzen Buches auf der Seekriegsführung. Das ist zwar anfangs durchaus spannend, aber mit der Zeit doch ermüdend; umso mehr, da die erzählerischen "Ausflüge" an die Landfront in Deutschland mit Abstand die spannendsten Teile des Buches sind, wohingegen die x-te ASW-Operation im Atlantik doch spätestens ab der Hälfte des Buches nur Wiederholungen bietet. Hier bemerkt man Clancys Leidenschaft für die moderne Seekriegsführung und er schafft es auch, die Faszination, die das Themenfeld birgt, zu Papier zu bringen. Schwer genug, wenn man bedenkt, dass gerade ASW- und U-Boot-Operationen ein stundenlanges Geduldspiel sind. Doch es sind eindeutig zu viele solcher Szenen im Buch. Irgendwann liest man nur noch oberflächlich, wenn mal wieder ein U-Boot-Kontakt über 10 Seiten erst verfolgt und dann natürlich versenkt wird. Es wäre besser gewesen, wenn Clancy sich die Hälfte dieser Szenen eingespart und dafür mehr Landkriegssituationen beschrieben hätte. Denn die im Vergleich relativ wenigen, die enthalten sind, sind so packend und fesselnd beschrieben, dass man praktisch am Buch klebt. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Über den von Clancy "prophezeiten" Kriegsverlauf kann man sicherlich trefflich streiten. Meiner Meinung nach nimmt der Landkrieg aus NATO-Sicht einen etwas zu positiven Verlauf, vor allem in Norddeutschland, wo - im Gegensatz zu Süddeutschland oder der berüchtigten "Fulda-Gap" - kaum natürliche Hindernisse vorhanden waren, an denen sich eine nachhaltige Verteidigung hätte anlehnen können (Darauf werde ich später bei der Vorstellung von Hacketts "Der Dritte Weltkrieg" detaillierter eingehen). Andererseits gibt Clancy eine gute Begründung, warum der sowjetische Vormarsch im Buch so schnell gestoppt und in einen Stellungskrieg gezwungen werden kann. Und gegen Ende des Buches wird es ja auch noch einmal hochdramatisch.

Natürlich ist Clancy ganz Patriot und natürlich sind die US-Waffensysteme (bzw. die westlichen) den sowjetischen überlegen. Aber erstens ist das ja zumindest in der allgemeinen Tendenz nicht unbedingt falsch und zweitens muss man bedenken, dass das Buch 1986 erschienen ist; zu einer Zeit also, in der vieles noch der Geheimhaltung unterlag und man vor allem über östliche Waffensysteme kaum verlässliche Daten in Erfahrung bringen konnte. Damals konnte man zur Bewertung der sowjetischen Waffensysteme praktisch nur derern Abschneiden in den verschiedenen Stellvertreterkriegen heranziehen. Warum diese Methode das Bild verzerrte, würde hier jetzt aber zu weit gehen. Festzuhalten ist, dass man nicht vorschnell über Clancy urteilen, sondern die Entstehungszeit des Buches im Blick behalten sollte.
Clancy vermeidet auch eine simple Gut/Böse-Einteilung. Es gibt viele "gute" russische Charaktere, deren Weg durch den Krieg man im Buch verfolgt, auch wenn natürlich klar ist, wer insgesamt gesehen der Aggressor ist...
Etwas kurios aus deutscher Sicht ist auch die merkwürdige Bewunderung, die Clancy offenbar für deutsche Soldaten hegt. Mehrmals wird betont, dass es immer wieder die Bundeswehr ist, die in kritischen Momenten den Tag rettet und an einer Stelle lässt er einen sowjetischen General sinnieren, dass sein massives Artilleriebombardement aus allen Rohren jeden Widerstand demoralisieren muss - nur bei deutschen Soldaten, da würde das wahrscheinlich nicht klappen...

Da ich sowohl das Original, wie auch die übersetzte Version gelesen habe, noch ein paar Worte zur Qualität der Übersetzung: Einerseits ist es im Großen und Ganzen überraschend gut übersetzt worden, vor allem für die militärischen Fachbegriffe und die amerikanische Militär-Terminologie sind allgemein gute Entsprechungen gefunden worden - oder auch einfach im Original belassen worden, wo es angebracht war. Da war jemand vom Fach und das ist selten genug. Auch sind einige Fehler, die Clancy z.B. bei deutschen Ortsnamen gemacht hatte, korrigiert worden. Andererseits sind einige kleinere Abschnitte bei der Übersetzung gekürzt worden, die man offensichtlich für das deutsche Publikum für unzumutbar hielt. Wieder einmal typische Fälle von Selbstzensur, die ja hierzulande oft genug vorkommt. Nicht nur deswegen gilt natürlich wie bei jedem Buch die Empfehlung, das Original zu lesen. Alleine schon, um den Slang der Soldaten mitzubekommen - die Flüche lassen sich einfach nicht adäquat übersetzen...

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, wenn man dabei eine gewisse kritische Distanz wahrt.

 

Im nächsten Teil meiner kleinen Serie werde ich weitere Romane zu dem Thema behandeln, um dann danach auf einige Fachbücher einzugehen.

 

*Frisbee ist hier die F-19, die es so nie gab, aber als Synonym für die F-117 zu sehen ist. Mehr dazu hier unter "Klassifizierung": http://de.wikipedia.org/wiki/Lockheed_F-117

News
Autor: dochiq
Datum: 10. Juli 2008 11:29 Uhr

Ubi, am 10. Juli 2008 um 19:22 Uhr

*beide Daumen nach oben*

Plissee, am 16. Juli 2008 um 16:57 Uhr

Hört sich wirklich wieder sehr interessan t mal sehen aber ich glaub ich werds mir hollen
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